Kulturelle Bildung im Tanz

Prof. Klaus Schäfer - Vorsitzender der GZT NRW e.V.

Kulturelle Bildung findet in Nordrhein-Westfalen seit Jahrzehnten statt und ist seither - nachdem anfangs ihre Bedeutung unterschätzt wurde - ständig im Aufwind. Und vor allem seit wir eine intensive Bildungsdiskussion haben, ist sie fester Teil der "anderen Seite der Bildung".

Doch der Weg war lang. Hatte bereits der Bildungsgesamtplan Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre die kulturellästhetische Bildung als einen Teil der Grundbildung verstanden, so ist nun auch heute der offizielle Bildungsbereich so weit, sie als etwas Ernstes an- und aufzunehmen. So weist der Bildungsbericht des Bundes und der Länder aus dem Jahre 2012 diesem Thema eine besondere Aufmerksamkeit zu und sieht sie als einen "unverzichtbaren Bestandteil der Persönlichkeitsbildung im Kanon der Allgemeinbildung".

Immerhin heißt das Bekenntnis des Bildungsberichtes: "In einer Welt, deren soziale, politische und ökonomische Prozesse von einer Fülle ästhetischer Medien geprägt werden, wird kulturelle/musisch-ästhetische Bildung zu einer wichtigen Voraussetzung für autonome und kritische Teilhabe" (Bildungsbericht S. 157). Das ist eine durchaus positive Bilanz. Immerhin nutzen 33 Prozent der unter 13 Jahre alten Kinder und 27 Prozent der 13- bis unter 18-Jährigen entsprechende Angebote darstellender künstlerischer Aktivitäten, und davon immerhin mehr als die Hälfte haben den Tanz und das Ballett gewählt. Und sie tun dies sowohl innerhalb als auch außerhalb der Schule.

Für die GZT NRW e.V. ist das ein ermutigendes Ergebnis, aber auch eines, das weitergehendes Potential besitzt. Dazu gibt es zahlreiche Hinweise und Befunde. Aber es gibt auch Nachdenkliches anzumerken: So ist die Teilhabe an kultureller Bildung insgesamt maßgeblich beeinflusst von dem Bildungstand der Eltern. Da haben wir noch viel zu tun. Unsere Projekte 180°Drehung und DYNAMO können in diesem Zusammenhang auf Entwicklungen reagieren und zeichnen sich durch eine individuelle Gestaltung aus.

Doch abseits von der bildungspolitischen und bildungsstrategischen Zuschreibung wohnt dem Tanz auch etwas ganz Zweckfreies inne. Es ist das ganz persönliche, vom Individuum selbst bestimmte Entdecken der eigenen Ausdrucksformen und die daraus folgende Öffnung neuer Erfahrungsräume. Tanz schafft eigene Formwelten poetischer oder symbolischer Natur. Damit wird Tanz auch ein Motor und ein Instrument zur Selbstentdeckung und verhilft dem Tanzenden zum Erkenntnisgewinn über sich selbst. Viele Beispiele in der Praxis zeigen dies, aus unseren Projekten aber auch aus anderen.

Tanzpädagogische Arbeit ist dabei ein wichtiges Bindeglied und in vielem auch Bedingung für das Erreichen des angestrebten Ziels, weitere Zielgruppen aus allen Milieus anzusprechen und für den Tanz zu interessieren. Unverzichtbar dafür ist Kompetenz. Wir brauchen mehr Tanzvermittlung. Die tanzpädagogische Arbeit sehe ich als eine Bereicherung für die soziale Arbeit insgesamt. Denn sie prägt Gruppenprozesse und wirkt interdisziplinär und interkulturell. Gerade die Menschen, denen wir in der sozialen Arbeit begegnen, brauchen oft eine Stärkung ihres Selbstwertgefühls. Im Tanz können sie Neues ausprobieren und Kreativität entfalten. Das ist mehr als das, was Schüler_innen oftmals in den "Kernfächern" erfahren. Das macht auch tanzpädagogische Arbeit so wertvoll.